> Aussicht ins Innere

Regina Bärthel

Aussicht ins Innere.
Landschaftsmalerei von Denise Richardt

(Text zur Ausstellung Pastorale, TEST Berlin, 2008)

Dramatisch wölben sich Farbflächen dem Betrachter entgegen, lustvoll durchschnitten von Linien, Kringeln und Schraffuren. Leuchtendes Grün, glühendes Rot und kühles Blau bilden einen Kontrapunkt zu dunklen Braun- und Grüntönen: Eine Polyphonie, die Topografien ausbildet. Sehr konsequent beschäftigt sich die Malerin Denise Richardt mit der Landschaftsmalerei. Diese bietet ihr das Potential an Farbe, Form, Raum und Fläche, das sie als ideales Material für ihre Auseinandersetzung mit den Fragestellungen der Malerei versteht. Immer wieder sind dabei Ansätze der Landschaftsmalerei aus dem Barock und der deutschen Frühromantik zu erkennen.

Die Landschaften von Denise Richardt sind jedoch alles andere als Veduten, bilden keinen Weltausschnitt naturalistisch ab. Wenn wirbelnde Wolkengebilde eine aufgewühlte See begleiten („Wolke“, 2007) oder eine Polyphonie lebendiger Farbschichten und -schattierungen einen frühsommerlichen Gebirgssee evozieren („Il ritorno dell‘ Armonia Celeste“ 2008), fühlt man sich an die Ideallandschaften des Barock erinnert: bereits hier wurden statische Strukturen dekonstruiert und dynamisiert, die Technik ermöglichte nicht nur illusionistisch gestaffelte Landschaftsräume, sondern auch die Wiedergabe menschlicher Stimmungen und Affekte. Der dargestellte Landschaftsraum wird so emotional und inhaltlich aufgeladen, besonders gut nachvollziehbar in „Gipfel“ von 2005, in dem dräuende Wolken gewittrig über Berggipfel ziehen oder einem im optimistisch strahlenden Rot-Grün-Komplementärkontrast gehaltenen Hügel und dem davor in waagerechten, blaulasierenden Streifen ruhenden See nichts anhaben können („Dreieinigkeit“, 2007). In all ihrer Dynamik und Dramatik sind diese Gemälde spannungsvoll und rhythmisch komponiert – ähnlich einem Musikstück des Barock.

Während der Barock jedoch die Apotheose religiöser oder weltlicher Herrschaftsansprüche feierte, war man sich in der Romantik, einer weiteren maßgeblichen Epoche der Ideallandschaft, der Subjektivität und Relativität unserer Wahrnehmung bereits bewusst. Individualität und individuelles Erleben waren die Grundlagen der Romantik – gebrochen durch die Sehnsucht nach dem Allgemeingültigen, dem Absoluten. Dieses unreflektierte Weltverständnis jedoch war dem modernen Menschen unmöglich geworden und konnte auch in der auf Reflexion beruhenden Kunst nicht adäquat dargestellt werden – war sie doch per definitionem künstlich, nicht natürlich. Das romantische Kunstwerk enthielt mithin stets seine eigene Kritik, indem es sich selbst ironisch hintertrieb. In der romantischen Ironie spiegelt sich das Wissen um den paradoxen Charakter des eigenen Standpunkts, um das Paradoxon der menschlichen Existenz schlechthin. Die „richtige“ Wiedergabe der Wirklichkeit zusammen mit dem perspektivisch erfassbaren logischen Bildraum wurden damit hinfällig; Räume, Gestalten, Ereignisse erhielten symbolischen Charakter, konnten immer auch etwas anderes bedeuten. Die Form der Darstellung wie auch ihre Bedeutung war daher subjektiv bestimmt. Denise Richardt zitiert diesen Gedanken auf höchst sinnfällige Weise, in dem sie einem Landschaftsgemälde sehr bestimmt einen weiteren „Rahmen“ einfügt: „Ein Ausschnitt“ von 2005 definiert den gewählten Weltausschnitt als subjektiv, beliebig und enthält – wie bei einer russischen Matroschka – das Bild im Bild.

Fassbar werden die Gemälde von Denise Richardt dennoch als Landschaften, die das Gemälde als weiten Raum öffnen. Diese Landschaftsräume geben eine Anmutung von Realität, von Welt: Topografien, Licht, Schatten, Atmosphäre, Stimmung – diese Malerei evoziert den Eindruck von Natur, die jedoch stets subjektiv gefiltert, interpretiert erscheint. In einem weiteren Schritt ermöglicht sie dem Betrachter, sich selbst in der Landschaft „umzusehen“: In jüngster Zeit bearbeitet die Malerin große Formate von 3 mal 1,5 Metern („Pastorale“ und „Aria“, 2008), in denen das Auge wandert, in Wellen- und Kreisbewegungen flaniert und damit einen nahezu musikalischen Klang erzeugt.

In ihrer Malerei vollzieht Denise Richardt einen Auflösungsprozess der Form, der bis an die Grenzen des Abstrakten geht. Mit dieser Ambivalenz zwischen Realismus und Abstraktion thematisiert die Malerin die Kluft zwischen Realität und Repräsentation.